Landespfarrer Dr. Eberhard Schwarz (Foto: Schauderna/medio.tv)
Für neue Konzepte bei der geplanten Verkürzung des Zivildienstes durch die Bundesregierung ab Januar 2011 sprach sich Oberlandeskirchenrat Landespfarrer Dr. Eberhard Schwarz aus. Laut Koalitionsvertrag von CDU und FDP ist eine Reduzierung des Zivildienstes von derzeit neun auf zukünftig sechs Monate vorgesehen. Dies sei für diakonische und kirchliche Einrichtungen nur unter veränderten Bedingungen umsetzbar, so der Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werkes in Kurhessen-Waldeck e.V. (DWKW), der gleichzeitig auch Diakoniedezernent der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) ist.
"Die Infotage zum Zivildienst vom 25. Februar bis 10. März in Bad Hersfeld, Hanau, Marburg und Kassel haben gezeigt, wie schwierig die Situation derzeit ist. Zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der Einrichtungen aus Diakonie und Kirche, die Zivildienstleistende einsetzen, haben daran teilgenommen. In Gesprächen wurde deutlich, dass einige Einrichtungen bei einer Reduzierung auf sechs Monate sich aus dem Zivildienst zurückziehen wollen. Der Aufwand für die Einarbeitung liegt für sie in keinem vernünftigen Verhältnis zum Ertrag. Andere Einrichtungen sehen es differenzierter: In der direkten Betreuung ist die Zeit von sechs Monaten zu kurz, in Bereichen mit hoher Fluktuation und wechselnden Teams ist der Einsatz eher möglich," erläuterte Schwarz.
Der Landespfarrer machte weiterhin deutlich, dass aus Verantwortung gegenüber den hilfebedürftigen Menschen der Einsatz in den Arbeitsfeldern Betreuung und Pflege eine intensive Einarbeitung und Begleitung der Zivildienstleistenden erfordere. Bei einem nur sechsmonatigen Zivildienst bedeute dies einen erheblichen Mehraufwand im Vergleich zu dem zu erwartenden Nutzen für Einrichtungen, die weiterhin Zivildienstleistende beschäftigen wollten. Daher sehe die Diakonie diese Zeit als generell zu kurz an. Bei Umsetzung der Dienstzeitkürzung sei eine Verdoppelung der bisherigen Kostenerstattung des Bundes für Plätze im Betreuungs- und Pflegebereich unumgänglich. "Der Gesetzgeber ist es den ihm anvertrauten jungen Männern schuldig, dass der Ausbau des Zivildienstes als Lerndienst unbedingt weiter verfolgt wird," so Dr. Schwarz weiter. Das im 3. Zivildienständerungsgesetz festgelegte Begleitkonzept müsse dabei inhaltlich und zeitlich angepasst werden. Hierbei sei ein besonderes Augenmerk auf die Vermittlung fachlicher Inhalte sowie der Reflexion im Dienst erworbener sozialer und persönlicher Kompetenzen zu legen.
Kirche und Diakonie setzen weiter auf Zivildienstleistende
Dr. Schwarz verwies darauf, dass bei einer Verkürzung des Zivildienstes zum 1. Januar 2011 sich Träger und Einsatzstellen bereits ab April 2010 auf die neue Situation einstellen müssten. "Konzepte sind zügig zu entwickeln und Planungen müssen zeitnah umgesetzt werden. Dies bedeutet einen erheblichen Mehraufwand, für den ebenso eine finanzielle Unterstützung seitens des Bundes unumgänglich ist," so der Landespfarrer.
Er machte deutlich, dass die Evangelische Kirche und das Diakonische Werk in Kurhessen-Waldeck auch zukünftig bei der Durchführung und Gestaltung des Zivildienstes mitwirken wollen. Sie wollten mithelfen, dass anerkannte Kriegsdienstverweigerer auch bei einem erheblich verkürzten Zivildienst die Vielfältigkeit sozialer Arbeit kennen lernen und wertvolle, für ihre Zukunft prägende Erfahrungen sammeln können. Aus Verantwortung gegenüber den jungen Männern dürfe die Verkürzung keinesfalls zu einer Trivialisierung des Dienstes führen. Hierzu würden erhebliche Kraftanstrengungen und zügiges Handeln aller Beteiligten notwendig sein. Sollte von Seiten des Bundes nicht gegengesteuert werden, sei zu befürchten, dass zahlreiche Zivildienstplätze in den Bereichen Pflege und Betreuung zukünftig nicht mehr zur Verfügung stünden.
Stärkung der Freiwilligendienste
Um auch zukünftig, bei einem dann nur noch sechsmonatigen Dienst, sinnvolle Einsatzgebiete aufrechterhalten zu können, werden dringend neue Konzepte benötigt. Dr. Schwarz erläuterte konkrete Forderungen: "Wir setzen uns für den Ausbau der sozialen Freiwilligendienste wie z. B. das freiwillige soziale Jahr (FSJ) ein. Dies erfordert jedoch eine deutliche Aufstockung der Finanzmittel von Seiten des Bundes. Neben dem Ausbau und der finanziellen Unterstützung der bisher schon vorhandenen Jugendfreiwilligendienste, auch in Blick auf eine mögliche Alternative zur Ableistung des Zivildienstes, wird es u. a. notwendig sein, durch die Schaffung von freiwilligen und gesetzlich geregelten Kurzzeitdiensten die zu erwartende "biographische Lücke" zwischen Dienstende und Ausbildungs-/Studienbeginn sinnvoll und sozial abgesichert zu füllen."
Hintergrund: Zivildienst in diakonisch-kirchlichen Einrichtungen in Kurhessen-Waldeck
In den kirchlich-diakonischen Einrichtungen in Kurhessen-Waldeck sind etwa 300 Zivildienstleistende beschäftigt, die zum weit überwiegenden Teil (zu ca. 2/3) im Bereich Pflege und Betreuung tätig sind. Der Einsatz in diesen Arbeitsgebieten wird durch die geplante sechsmonatige Zivildienstzeit erheblich gefährdet. Die Betreuung von Menschen mit Behinderung, Senioren oder Kranken erfordert Kontinuität und eine intensive Einarbeitung und Begleitung der jungen Männer. Gerade im unmittelbaren Dienst an hilfebedürftigen Menschen konnten Zivildienstleistende bisher positive soziale und persönliche Erfahrungen sammeln. Sie waren und sind wertvolle Helfer, die unsere Mitgliedseinrichtungen bei der Bewältigung ihrer Aufgaben unterstützen.
Redaktion: Eckhard Lieberknecht, Telefon: (05 61) 10 95 - 333