Jo vor dem Kulturzentrum Waggonhalle(Foto: Bullien)
700 - 588 - 1: Joachims Weg vom Rand zur Mitte
Irgendwie gehört er schon zum Inventar. So wirkt Joachim, den alle nur Jo nennen. So hört er sich an, wenn er von seinen Aufgaben im Kulturzentrum Waggonhalle in Marburg erzählt. Und irgendwie sieht der junge Berliner auch so aus. Den Proletenschieber keck auf den zerzausten Locken, den Lolli im Mundwinkel. Jo ist vorbestraft. Jetzt hat er hier einen 1-Euro-Job und ist damit richtig zufrieden: Für den ehemaligen Hausbesetzer standen 700 gemeinnützige Stunden auf seiner Agenda, und als er die abgearbeitet hatte, kamen noch mal 588 dazu. Und der Besucher glaubt ihm sofort seine Ratlosigkeit – so schnell kann man verurteilt werden…
Statt Höfe fegen …
Als Glücksfall erwies sich da für ihn das Projekt der Eingliederungshilfe Marburg (egh). Der kleine, gemeinnützige Verein kümmert sich in der Elisabethstadt um die, die nach Bau oder Bewährungsstrafe Beratung, Wohnung und vor allem Arbeit brauchen. Oder ihre Geldstrafe als gemeinnützige Arbeit ableisten. Jo und auch sein Kollege Theo Z. haben aber keine eintönigen Pflichten erfüllt, wie Höfe von Behörden gefegt; sie haben gleich was Richtiges machen können: Sie kamen zu Hans-Joachim Schröder, der für sie eine Einsatzstelle in einem Projekt hatte.
Der Mitarbeiter der Eingliederungshilfe Marburg ist Jo's Arbeitsanleiter. „Die Waggonhalle kooperiert gerne mit uns. Hier haben wir mehrere Einsatzstellen. Das Waggonhallenteam kümmert sich gut um unsere Leute.“ Es gehe darum, die Klienten in das Team an der ausgesuchten Einsatzstelle einzubinden. Zum Konzept gehöre, Verbindlichkeiten herzustellen und zeitliche Absprachen zu treffen: „Wir versuchen, dass ihr Arbeitseinsatz sie in das entsprechende Gemeinwesenprojekt integriert“, erklärt Schröder.
Ein Ziegengehege tischlern
Allein in Hessen wurden Geldstrafen von insgesamt 116.521 Tagessätzen im Jahr 2005 in gemeinnützige Arbeit umgewandelt. Das betraf 3.540 Personen. Die Umwandlungsmöglichkeit gibt es bei - auf Amtsdeutsch - Uneinbringlichkeit, also Zahlungsunfähigkeit wegen Arbeitslosigkeit oder anderen wirtschaftlichen oder sozialen Problemen. Wie bei Jo. Ebenso Theo Z., der in der Werkstatt, die das Kulturzentrum Waggonhalle zur Verfügung stellt, Handwerksarbeiten erledigt. In 180 Arbeitsstunden tischlert er Gerätschaften für ein Ziegengehege der Bettina-von-Arnim-Schule. Die behinderten Kinder, die die Schule besuchen, werden sich freuen, wenn ich das aufbauen, denkt er. „Ich habe immer was gemacht, die ganze Zeit. Aber Berufserfahrung zählt ja nicht mehr“, blickt er nachdenklich zurück. Und jetzt? „Ich mache alles außer Strom, was ist mir egal. Hauptsache, ich habe Arbeit.“ 160 Stunden hat er schon weggeschafft.
Von Hartz IV
Der Schreiner war arbeitslos, auf Hartz IV. Seine Arbeitsauflage hat er erfüllt, indem er hier etwas fürs Gemeinwesen tat. Das Team und die Verantwortlichen waren mit seinen Fähigkeiten und seiner Schaffensfreude so zufrieden, dass sie sich bemühten, für ihn einen 1-Euro-Job zu bekommen. Mit Erfolg. Seit dem 1. Mai hat er schon einen, betont er. Jetzt tischlert und sägt und feilt er wieder. Und wenn er davon erzählt, so hört man, wie froh er darüber ist. Auch für Jo war die Gemeinnützige Arbeit das Sprungbrett zum 1-Euro-Job gewesen. Die nächste Stufe, der Schritt zu einer Arbeitsstelle auf dem 1. Arbeitsmarkt, wird jedoch weiterhin sehr schwer bleiben. Trotzdem, für Theo und Jo ist es wichtig, wieder eine sinnvolle Arbeit und Tagesstruktur gefunden zu haben, verbunden mit gesellschaftlicher Anerkennung. Nur den Hof fegen und die Grünanlagen machen… da ist schon so manch einer gar nicht mehr gekommen.
Zum 1-Euro-Job
„Je interessanter, je wichtiger die Arbeit, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie bis zum Ende durchhalten werden“, erklärt Herwig Honus, Geschäftsführer der Eingliederungshilfe. Ehemalige Straffällige oder von Haft bedrohte Menschen sind in einer schwierigen Lage. Suchen sie die Mitarbeiter in deren diakonischer Beratungsstelle in der Marburger Innenstadt auf, fehlt es meist an allem: Einkommen, Wohnraum, Arbeit, Ausbildung, Tagesstruktur, die sozialen Kontakte inklusive. Viele Hilfe Suchende sind mehrfach vorbestraft, alkohol- oder drogenabhängig und haben eine geringe Frustrationstoleranz. Und jetzt noch was Gutes tun? Oft muss erst das Naheliegendste erledigt werden: Einzug in eine Wohnung, verschiedene Starthürden bewältigen. Mit 12 Plätzen im Betreuten Wohnen hilft ihnen dabei Diplom-Pädagogin Kerstin Özülkü, die dritte egh-Mitarbeiterin.
Und von da wieder auf einen guten Weg
Das hessische Justizministerium sieht Arbeitsauflagen nüchterner: Für die Haftanstalten bedeute es eine Entlastung von Ersatzfreiheitsstrafen, die sonst vollzogen werden müssten, wenn eine Geldstrafe nicht geleistet wird. Für das Ministerium bringt es eine Einsparung im Haushalt im zweistelligen Millionenbereich obendrein, so lässt die Pressestelle verlautbaren.
Der Marburger Verein, der Mitglied im Diakonischen Werk in Kurhessen-Waldeck ist, schließt sich der Sicht der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an. Die Diakonie, sozialer Arm der Kirche, will die Hilfen für Straffällige verbessern. So sollen ihre gesellschaftliche Integration und Resozialisierung gefördert werden. Sie hilft den Betroffenen und ihren Familien während einer Haft und nach der Entlassung. Pro Jahr werden in Deutschland rund 150.000 Menschen inhaftiert. Die Inhaftiertenrate steigt seit einigen Jahren. Sie sitzen ihre Strafe in etwa 300 Haftanstalten ab. Mit etwas Glück werden sie – meistens sind es Männer - zu Pilgern. Denn in denselben Werkstatt-Räumen entstehen die Schilder, die den Elisabeth-Weg von Marburg nach Erfurt kennzeichnen. Er ist Teil des berühmten Jakobswegs. Und so kommen Schröders Schützlinge wieder auf den Pfad zurück – nachdem sie „mal weg waren“.
Susanne Bullien