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Ein BIO-Bauernhof für Menschen mit Behinderung – das Hofgut Hofgeismar

Futter für die Schweine - Mitarbeiter des Hofgeismarer Hofgutes bei Mischen des Futters (Foto: Kristin Heine)
Futter für die Schweine - Mitarbeiter des Hofgeismarer Hofgutes bei Mischen des Futters (Foto: Kristin Heine)

von Kristin Heine

Rot, blau, gelb sind die Farben, mit denen die Vorratsbehälter in der Futterzentrale markiert sind. Jörg mischt gerade das Futter für die Schweine an. Er ist geistig behindert. Anhand der Farben an den Vorratsbehältern erkennt er, wie das Futter zusammengesetzt sein muss. Jörg ist einer von 15 Behinderten, die in dem Hofgut Hofgeismar arbeiten. Der Betrieb gehört zur Baunataler Diakonie Kassel e.V.

Seit 2000 leitet Peter Emmerich den Arbeitsbereich Landwirtschaft. Vorher war er fünf Jahre als landwirtschaftlicher Gutachter bei der Oberfinanzdirektion Erfurt tätig. Dort hat der studierte Landwirt festgestellt, dass die Arbeit am Schreibtisch nichts für ihn ist. Die Zusammenarbeit mit den Menschen ist ihm wichtig: „Freude am Beruf weiter zu geben und behinderten Menschen eine Sinn gebende, nachhaltige und überschaubare Tätigkeit zu vermitteln“, betont der Ingenieur. Erste Erfahrungen in diesem Arbeitsbereich hat Peter Emmerich als Zivildienstleistender bei der Lebenshilfe Waldeck-Frankenberg gesammelt.

1979 übernahmen die Baunataler Werkstätten das ehemalige Christian-Stock-Sanatorium in Hofgeismar, eröffneten das erste Wohnheim für behinderte Menschen und begannen auf einem konventionell bewirtschafteten Hof das landwirtschaftliche Arbeitsfeld.

Landwirtschaftliche Arbeit ist ein traditioneller Schwerpunkt in der Behindertenarbeit. Bei der Berufsfindung gilt es, auf die  Vorlieben behinderter Menschen einzugehen und diese zu fördern. In der körperlichen Arbeit und den Umgang mit Tieren kommen sie zur Ruhe und finden einen Ausgleich zu ihren geistigen Defiziten. Die überschaubaren Tätigkeiten zeigen den Behinderten, was sie produzieren und verdeutlichen die Zielsetzung der einzelnen Arbeitsschritte: Das Betreiben einer ökologisch nachhaltigen Landwirtschaft, die sowohl dem Arbeitnehmer als auch den Kunden gut tut.

Seit dem Jahr 2001 arbeitet der Betrieb nach den Grundsätzen der organisch-biologischen Wirtschaftsweise. Im Zuge der BSE-Krise schaffte man die Bullenmast ab und stellte die Fruchtfolge der Felder um. Das Ergebnis ist leibhaftig zu sehen, wenn Wutz, Inse und Ute im Schweinsgalopp durch den Stall tollen. Die Schweine entfalten ihre natürlichen Verhaltensweisen in Ställen mit ausreichend Bewegungsraum, natürlichem Tageslicht und Stroh. Hormone, Leistungsförderer und Gentechnik habe hier keinen Platz.

In den Bereichen Ackerbau und Grünlandwirtschaft arbeiten die Landwirte weitestgehend ohne die behinderten Mitarbeiter. Mit der Außenwirtschaft werden unter dem Aspekt des Kreislaufgedankens die Voraussetzungen für die Arbeitsplätze auf dem Hof geschaffen: Beim Anbau von Futtergetreide und Kartoffeln wird kein löslicher Stickstoffdünger und keine Pestizide verwendet. Das bedeutet zugleich weniger Nitrat und Rückstände in der Nahrungskette.

Die Umstellung auf die ökologische Landwirtschaft hat sich in jeder Hinsicht gelohnt: Seit 2003 pflegt das Hofgut Hofgeismar Lieferbeziehungen zu tegut. Der hessischen Supermarktkette ist es wichtig, regionale Tätigkeiten zu unterstützen. Gleichzeitig fördern sie Produkte aus ökologischer Landwirtschaft und fairem Handel. So bezieht die tegut-Fachmetzgerei Kurhessische Fleischwaren Fulda (kff) monatlich 25-30 XXL-Bio-Schweine aus Hofgeismar, die in Frankenheim zu kff Bio-Wurstwaren verarbeitet werden, unter anderem zur luftgetrockneten Rhöngut Bio-Cervelatwurst und dem Rhöngut Bio-Feldkieker.

Am „Tag der offenen Stalltür“ stellt der Biolandbetrieb einmal jährlich seine Qualität unter Beweis. tegut-Kunden können sich selbst von der Schweinehaltung und Ferkelaufzucht überzeugen. Bis zu 1500 Besucher aus Niedersachsen und Nordhessen nutzten in den Vorjahren das Angebot. Soziales Engagement und ökologische Landwirtschaft finden hier zu einem ausgeglichenen Miteinander. Geistig behinderte Menschen und Menschen mit Lernbehinderung verrichten qualitativ hochwertige Arbeit, so wie es früher in der Landwirtschaft üblich war. Damit besetzen sie eine Marktlücke und richten sich mit ihrem Angebot an Kunden, die auf die Einhaltung sozialer Arbeitsmaßstäbe und ökologisch nachhaltiger Produktion von Fleisch- und Wurstwaren Wert legen.

Seit 2002 gehört der Hof dem Bioland-Verband an. Damit entspricht er zum einen den Erfordernissen einer Art gerechten Tierhaltung, zum anderen den Bedürfnissen der behinderten Mitarbeiter: „Sie sollen sich bei der Arbeit wohl fühlen und gerne auf dem Hof mitarbeiten“, sagt Peter Emmerich.

2004 erhielt das Hofgut den Hessischen Tierschutzpreis. Als Grund der Auszeichnung nannte die Jury den artgerechten Umgang mit den Tieren. Zugleich ist der Betrieb an der Weiterentwicklung der artgerechten Tierhaltung interessiert. Für die vorbildliche Arbeit wurde der Betrieb am 22. Januar 2008 mit dem ProTier-Förderpreis auf der Grünen Woche in Berlin durch Bundespräsident Horst Köhler ausgezeichnet.  Zu Ostern 2008 plant der Ökohof die Inbetriebnahme eines Hühnermobils. Die Hühner grasen rund um das Mobil die Grünflächen ab. In das Mobil legen sie ihre Eier. Ist die Grünfläche abgegrast, wird das Hühnermobil auf den nächsten Rasenabschnitt gefahren. Dann sind auf dem Hofgut auch Eier aus artgerechter Hühnerhaltung zu erwerben. Alle Produkte entstehen auf Basis einer ökologisch, innovativen Landwirtschaft und unter Arbeitsbedingungen, die den individuellen Fähigkeiten der Mitarbeiter gerecht werden – was will man mehr! 

Redaktion: Kristin Heine, Telefon: (05 61) 10 95 - 333

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Schöne Gräber als Startschuss in ein neues Leben

Holger Scharf bei der Grabpflege auf dem Friedhof Hofgeismar - Foto: Kristin Heine/DWKW
Holger Scharf bei der Grabpflege auf dem Friedhof Hofgeismar - Foto: Kristin Heine/DWKW

von Kristin Heine

Emsig harkt Holger Scharf das Laub zusammen. Er entfernt die bunt gefärbten Blätter vom Grab. Der 35-jährige ist Gärtner und für die Grabpflege auf dem Friedhof in Hofgeismar zuständig. Dabei ist Holger Scharf Epileptiker. Bis zu zwanzig Tabletten muss er am Tag zu sich nehmen. Die Krankheit schränkt ihn in seiner Leistungsfähigkeit an. Aber längst nicht so, dass er seinen Beruf nicht ausüben könnte. Sorgfältig und mit viel Liebe pflanzt er die Stiefmütterchen auf das Grab. Zweimal im Jahr bringt er zusammen mit seinen Kollegen die Grabstätten in Schuss. „Die Arbeitsabwechslung macht mir am meisten Spaß“, sagt Scharf. Draußen, in der Natur zu arbeiten, ist ihm besonders wichtig. Gerade im November, der im Zeichen von Trauer und Tod steht, schafft er mit der Bepflanzung der Gräber etwas Neues. Und erweist damit den Toten Ehre.

Der Gärtner ist einer von vier Mitarbeitern der Firma Integration durch Arbeit (IngA), die in diesem Herbst die Gräber winterfest machen. IngA ist ein diakonisches Arbeitsprojekt im Kirchenkreis Hofgeismar. Es fördert die Integration arbeitsloser Menschen mit sozialen Benachteiligungen. Sie bietet Umzüge, Entrümpelungen, Abriss- und Gartenarbeiten sowie Instandsetzungen an. Einen neuen Leistungsbereich hat sich das Projekt mit dem Energieholzhof erschlossen. Dort werden Scheitholz und Hackschnitzel  hergestellt. IngA zeichnet sich durch ihre Mitarbeiter aus. Sie alle sind vielseitig, besitzen unterschiedliche Begabungen und Fertigkeiten: Von der Fahrradreparatur über die Autopolitur  bis hin zum professionellen Umzug – alles aus einer Hand. Wo bekommt man schon so eine Bandbreite geboten? Die Integrationsfirma IngA ist ein Projekt des  Diakonischen Werkes Hofgeismar-Wolfhagen. Seit sieben Jahren betreut der Sozialpädagoge Wolfgang Böhner die Mitarbeiter des Diakonischen Werkes in Hofgeismar. InGA Grabpflege in Hofgeismar - Foto: Kristin Heine/DWKWGelernt hat er Tischler und Elektriker und garantiert damit eine fachgerechte Anleitung seiner Mitarbeiter. Angefangen hat alles mit einer Bautruppe. Die Mitarbeiter von IngA führten Reinigungs- und Abrissarbeiten in Kirchen durch. Menschen, die von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen waren und Menschen mit Lernbehinderung fanden hier einen sinnvollen Arbeitsplatz. Die evangelische Kirche gründete dann in Hofgeismar  einen Betrieb, um die Arbeitslosen richtig anstellen zu können. Inzwischen ist der Bauhof für die Kirchenkreise Wolfhagen und Hofgeismar zuständig. Im Umkreis bis zu fünfzig Kilometern – also bis Kassel, Nord – reicht das Einsatzgebiet des Bauhofs. Für Böhner ist die Qualität und Kontinuität ein wichtiger Gesichtspunkt in seiner Arbeit: „Regeln und klare Strukturen bei den Arbeitsvorgaben sind wichtig, denn damit können die Mitarbeiter umgehen.“ Der Projektleiter spricht aus langjähriger Erfahrung in der Straffälligen-Arbeit, wo er zuvor tätig war. Projekte zu planen und umzusetzen, hat der Sozialpädagoge in zahlreichen Auslandsaufenthalten gelernt.

Inzwischen hat Holger Scharf alle Stiefmütterchen auf das Grab gepflanzt. In hellen, gelben Blüten erstrahlt das Grab an diesem schönen Herbsttag. Über 100 Gräber pflegen die Mitarbeiter von IngA auf dem Hofgeismarer Friedhof. Das blaue Kronenkreuz ist das Erkennungszeichen der Diakonie. Daher stecken blaue Schildchen an den Rändern der Gräber. Seit fünf Jahren ist die Grabpflege ein fester Bestandteil von IngA.

Markus Grebe ist am längsten dabei. Seit neun Jahren arbeitet er in der Firma. Einen festen Arbeitsvertrag besitzt er seit 2000. Er ist wie Henning Scharf Gärtner von Beruf. Mit viel Engagement und Sachverstand ist er bei der Arbeit.

Neu dabei ist Anke Järmann. Sie ist für einen kranken Kollegen eingesprungen. Eigentlich ist sie als Hausmeisterin im Kindergarten und in der Kirche des Gesamtverbandes tätig. Dort mäht sie den Rasen und schneidet die Hecke. Sie freut sich, wenn klare Anweisungen kommen. Die vielfältige Arbeit reizt sie: „Und was ich nicht beherrsche, kann ich erlernen“, ergänzt Anke Järmann.

Der Arbeitsbereich ist stets offen für Neuerungen und Veränderungen. „Die Abwechslung und Arbeitsvielfalt machts“, ergänzt Wolfgang Böhner. Anke Järmann bereichert als erste Frau das Team der Grabpflege. Seit kurzem probiert die Firma aus, ob Frauen und Männer gut zusammen arbeiten können oder ob Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich auftauchen. Anke Järmann fühlt sich jedenfalls wohl bei der Arbeit – das merkt man ihrer Fröhlichkeit und Gelassenheit an.

IngA steht für  Zuverlässigkeit und Qualität in der Region. In Hofgeismar gibt es auch die „Halle für alle“. Hier verkauft das Unternehmen Second Hand Waren aller Art. Die Bürger vor Ort nehmen das Angebot dankbar an. Von Möbel über Bettwäsche bis hin zu Kühlschrank und Waschmaschine ist alles vorhanden. Wolfgang Böhner ist erfreut über das durchweg positive Image der Firma. Für ihn wird daraus ersichtlich, dass auch Leute mit kleiner Behinderung unter fachgerechter Anleitung genauso leistungsfähig sein können.
IngA wurde 1998 gegründet. Bereits vier Jahre später ist ihr die Anerkennung der Integrationsfirma erteilt worden. Zur Zeit leitet Stefan Sigel-Schönig die Firma. Zusammen mit Dekan Wolfgang Heinicke und Wolfgang Böhner gestalten sie die Konzeption der Firma.
Für heute hat es das Team der Grabpflege faßt geschafft. Die Gräber blühen im lebendigen Gelb der Stiefmütterchen. Neuer Glanz erstrahlt zu Ehre der Toten.

(Fotos: Kristin Heine)

 

Redaktion: Kristin Heine, Telefon: (05 61) 10 95 - 333

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Estland auf vorbildlichem Weg in der AIDS-Prävention

Landespfarrer Dr. Eberhard Schwarz (hinten) begrüßte die Gruppe am Sitz des Diakonischen Werk in Kurhessen-Waldeck in Kassel. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Aids-Beratung des Estnischen Evangelischen Kirche beim Besuch des Diakonischen Werkes mit Hans Barbknecht, Referent für Mittel- und Osteuropa (ganz rechts), Michael Schümers (EKKW, links von ihm), Clemens Obergfell (Diakonisches Werk der EKD, rechts davon) und Anne Burghardt (Estnisch-Evangelisch-Lutherische Kirche, 2. von links).   Foto: Susanne Bullien
Landespfarrer Dr. Eberhard Schwarz (hinten) begrüßte die Gruppe am Sitz des Diakonischen Werk in Kurhessen-Waldeck in Kassel. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Aids-Beratung des Estnischen Evangelischen Kirche beim Besuch des Diakonischen Werkes mit Hans Barbknecht, Referent für Mittel- und Osteuropa (ganz rechts), Michael Schümers (EKKW, links von ihm), Clemens Obergfell (Diakonisches Werk der EKD, rechts davon) und Anne Burghardt (Estnisch-Evangelisch-Lutherische Kirche, 2. von links). Foto: Susanne Bullien

AIDS ist das Thema, das alle an einen Tisch zusammenführte: 12 Esten machten sich auf den Weg, die Experten im Diakonischen Werk in Kurhessen-Waldeck zu befragen und ihre ehrenamtliche Arbeit vorzustellen. Am 20. August begrüßte sie Dr. Eberhard Schwarz im Rahmen des Osteuropa-Hearings. Dieses regelmäßige Treffen ist Teil der Arbeit von Hoffnung für Osteuropa und dient dem gegenseitigen Erfahrungsaustausch. Diesmal standen ganz die Gäste aus Estland im Mittelpunkt. Mit ihrer Wissbegier, wie Diakonie in Deutschland „funktioniert“, überraschten sie den Landespfarrer für Diakonie ein wenig. Der freute sich aber, den Ehrenamtlichen über Diakonie berichten zu können und auf so viel Interesse zu stoßen. „Diakonie macht sich zum Anwalt derer, die am Rande der Gesellschaft stehen. Deswegen unterstützen wir die Arbeit von „Hoffnung für Osteuropa“, bekräftigte Schwarz. 

Die Besucherdelegation, zumeist ehrenamtliche Mitarbeiter der Aids-Hilfe in Estland, setzte sich aus Medizinern, Psychologen, Lehrern und Studenten zusammen. Die Männer und Frauen arbeiten zum Beispiel in Estlands größtem Männergefängnis oder entwickelten eine Aufklärungskampagne für Schulen. „Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Aidshilfe in Estland schon sehr gut organisiert ist, wir konnten die Delegation in ihrer Arbeit eigentlich nur noch bestärken“, meinte Hans Barbknecht, im DWKW Referent für Mittel- und Osteuropa.
 
Der Besuch bot der Besuchergruppe aus Estland nun die Gelegenheit, einige Hilfeeinrichtungen der Diakonie in Hessen, in Hamburg, Köln und Berlin kennen zu lernen: In Kurhessen-Waldeck stand ein Besuch des Diakonischen Werks Waldeck-Frankenberg mit Sitz in Korbach auf dem Programm. Hier erwartete sie ein offenes Gespräch mit der Schwangerenberatung, zu deren Aufgaben auch die Präventionsarbeit im Blick auf Aids-Gefahren gehört. Die Besuchergruppe informierte sich schwerpunktmäßig über die Arbeit der Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle. Aber auch die weiteren Angebote des Diakonischen Trägers hinsichtlich etwa der Suchtberatung und Suchtprävention konnten sie dort in Augenschein nehmen.

Aus dem Bereich der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck engagieren sich rund 60 Initiativen für den Austausch und die Hilfe in den Ländern des ehemaligen Ostblocks. Dabei geht es um die Unterstützung beim Aufbau von tragfähigen Strukturen der Kirchen und der Diakonie in Osteuropa, aber auch um die ganz konkrete Hilfe unter anderem mit Medikamenten, Lebensmitteln und landwirtschaftlichen Maschinen.

Alle Projekte werden gemeinsam mit den Partnern in den osteuropäischen Ländern geplant und umgesetzt. Ungezählte ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Kurhessen-Waldeck unterstützen diese Maßnahmen. Dabei steht die Hilfe zur Selbsthilfe im Vordergrund. Mit Sachspenden und finanzieller Unterstützung haben Menschen aus Kurhessen-Waldeck auf diese Weise Menschen in Estland, Litauen, Bosnien, in der Ukraine, Russland und Weißrussland geholfen. Estland ist Schwerpunktland der 14. Aktion „Hoffnung für Osteuropa“.

Spendenkonto der Aktion „Hoffnung für Osteuropa“
Konto 200 000, Evang. Kreditgenossenschaft Kassel, BLZ 520 604 10

Susanne Bullien

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Eingliederungshilfe verhilft zum 1-Euro-Job

Jo vor dem Kulturzentrum Waggonhalle(Foto: Bullien)
Jo vor dem Kulturzentrum Waggonhalle(Foto: Bullien)

700 - 588 - 1: Joachims Weg vom Rand zur Mitte

Irgendwie gehört er schon zum Inventar. So wirkt Joachim, den alle nur Jo nennen. So hört er sich an, wenn er von seinen Aufgaben im Kulturzentrum Waggonhalle in Marburg erzählt. Und irgendwie sieht der junge Berliner auch so aus. Den Proletenschieber keck auf den zerzausten Locken, den Lolli im Mundwinkel. Jo ist vorbestraft. Jetzt hat er hier einen 1-Euro-Job und ist damit richtig zufrieden: Für den ehemaligen Hausbesetzer standen 700 gemeinnützige Stunden auf seiner Agenda, und als er die abgearbeitet hatte, kamen noch mal 588 dazu. Und der Besucher glaubt ihm sofort seine Ratlosigkeit – so schnell kann man verurteilt werden…

Statt Höfe fegen …

Als Glücksfall erwies sich da für ihn das Projekt der Eingliederungshilfe Marburg (egh). Der kleine, gemeinnützige Verein kümmert sich in der Elisabethstadt um die, die nach Bau oder Bewährungsstrafe Beratung, Wohnung und vor allem Arbeit brauchen. Oder ihre Geldstrafe als gemeinnützige Arbeit ableisten. Jo und auch sein Kollege Theo Z. haben aber keine eintönigen Pflichten erfüllt, wie Höfe von Behörden gefegt; sie haben gleich was Richtiges machen können: Sie kamen zu Hans-Joachim Schröder, der für sie eine Einsatzstelle in einem Projekt hatte.

Der Mitarbeiter der Eingliederungshilfe Marburg ist Jo's Arbeitsanleiter. „Die Waggonhalle kooperiert gerne mit uns. Hier haben wir mehrere Einsatzstellen. Das Waggonhallenteam kümmert sich gut um unsere Leute.“ Es gehe darum, die Klienten in das Team an der ausgesuchten Einsatzstelle einzubinden. Zum Konzept gehöre, Verbindlichkeiten herzustellen und zeitliche Absprachen zu treffen: „Wir versuchen, dass ihr Arbeitseinsatz sie in das entsprechende Gemeinwesenprojekt integriert“, erklärt Schröder.

Ein Ziegengehege tischlern

Allein in Hessen wurden Geldstrafen von insgesamt 116.521 Tagessätzen im Jahr 2005 in gemeinnützige Arbeit umgewandelt. Das betraf 3.540 Personen. Die Umwandlungsmöglichkeit gibt es bei - auf Amtsdeutsch - Uneinbringlichkeit, also Zahlungsunfähigkeit wegen Arbeitslosigkeit oder anderen wirtschaftlichen oder sozialen Problemen. Wie bei Jo. Ebenso Theo Z., der in der Werkstatt, die das Kulturzentrum Waggonhalle zur Verfügung stellt, Handwerksarbeiten erledigt. In 180 Arbeitsstunden tischlert er Gerätschaften für ein Ziegengehege der Bettina-von-Arnim-Schule. Die behinderten Kinder, die die Schule besuchen, werden sich freuen, wenn ich das aufbauen, denkt er. „Ich habe immer was gemacht, die ganze Zeit. Aber Berufserfahrung zählt ja nicht mehr“, blickt er nachdenklich zurück. Und jetzt? „Ich mache alles außer Strom, was ist mir egal. Hauptsache, ich habe Arbeit.“ 160 Stunden hat er schon weggeschafft.

Von Hartz IV

Der Schreiner war arbeitslos, auf Hartz IV. Seine Arbeitsauflage hat er erfüllt, indem er hier etwas fürs Gemeinwesen tat. Das Team und die Verantwortlichen waren mit seinen Fähigkeiten und seiner Schaffensfreude so zufrieden, dass sie sich bemühten, für ihn einen 1-Euro-Job zu bekommen. Mit Erfolg. Seit dem 1. Mai hat er schon einen, betont er. Jetzt tischlert und sägt und feilt er wieder. Und wenn er davon erzählt, so hört man, wie froh er darüber ist. Auch für Jo war die Gemeinnützige Arbeit das Sprungbrett zum 1-Euro-Job gewesen. Die nächste Stufe, der Schritt zu einer Arbeitsstelle auf dem 1. Arbeitsmarkt, wird jedoch weiterhin sehr schwer bleiben. Trotzdem, für Theo und Jo ist es wichtig, wieder eine sinnvolle Arbeit und Tagesstruktur gefunden zu haben, verbunden mit gesellschaftlicher Anerkennung. Nur den Hof fegen und die Grünanlagen machen… da ist schon so manch einer gar nicht mehr gekommen.

Zum 1-Euro-Job

 „Je interessanter, je wichtiger die Arbeit, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie bis zum Ende durchhalten werden“, erklärt Herwig Honus, Geschäftsführer der Eingliederungshilfe. Ehemalige Straffällige oder von Haft bedrohte Menschen sind in einer schwierigen Lage. Suchen sie die Mitarbeiter in deren diakonischer Beratungsstelle in der Marburger Innenstadt auf, fehlt es meist an allem: Einkommen, Wohnraum, Arbeit, Ausbildung, Tagesstruktur, die sozialen Kontakte inklusive. Viele Hilfe Suchende sind mehrfach vorbestraft, alkohol- oder drogenabhängig und haben eine geringe Frustrationstoleranz. Und jetzt noch was Gutes tun? Oft muss erst das Naheliegendste erledigt werden: Einzug in eine Wohnung, verschiedene Starthürden bewältigen. Mit 12 Plätzen im Betreuten Wohnen hilft ihnen dabei Diplom-Pädagogin Kerstin Özülkü, die dritte egh-Mitarbeiterin.

Und von da wieder auf einen guten Weg

Das hessische Justizministerium sieht Arbeitsauflagen nüchterner: Für die Haftanstalten bedeute es eine Entlastung von Ersatzfreiheitsstrafen, die sonst vollzogen werden müssten, wenn eine Geldstrafe nicht geleistet wird. Für das Ministerium bringt es eine Einsparung im Haushalt im zweistelligen Millionenbereich obendrein, so lässt die Pressestelle verlautbaren.

Der Marburger Verein, der Mitglied im Diakonischen Werk in Kurhessen-Waldeck ist, schließt sich der Sicht der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an. Die Diakonie, sozialer Arm der Kirche, will die Hilfen für Straffällige verbessern. So sollen  ihre gesellschaftliche Integration und Resozialisierung gefördert werden. Sie hilft den Betroffenen und ihren Familien während einer Haft und nach der Entlassung. Pro Jahr werden in Deutschland rund 150.000 Menschen inhaftiert. Die Inhaftiertenrate steigt seit einigen Jahren. Sie sitzen ihre Strafe in etwa 300 Haftanstalten ab. Mit etwas Glück werden sie – meistens sind es Männer - zu Pilgern. Denn in denselben Werkstatt-Räumen entstehen die Schilder, die den Elisabeth-Weg von Marburg nach Erfurt kennzeichnen. Er ist Teil des berühmten Jakobswegs. Und so kommen Schröders Schützlinge wieder auf den Pfad zurück – nachdem sie „mal weg waren“.

Susanne Bullien

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Von einem, der Zeit hat - St. Elisabeth Hospiz in Marburg

Margaretha Eidam - Leiterin des St. Elisabeth-Hospizes in Marburg. Foto: Susanne Bullien
Margaretha Eidam - Leiterin des St. Elisabeth-Hospizes in Marburg. Foto: Susanne Bullien

"Im Sog der Nächstenliebe"

Schuld an allem ist wahrscheinlich Elisabeth. Sie erzeugt einen Sog der Nächstenliebe in dieser Stadt, dem sich keiner entziehen kann. Schon gar nicht im Jahr ihres 800. Geburtstags. Peter Jäger interessiert nur das heute. Seit dem Jahr, in dem die Heilige aus der Mitte Deutschlands 799 wurde, seit dem 10. Juli 2006, um genau zu sein, wohnt er im Zimmer Rose des St. Elisabeth-Hospizes auf dem Rotenberg in Marburg. Ein Raucherzimmer, man kann´s riechen. Denn eine gönnt er sich am Tag; er weiß nicht, wie viele es noch werden. Er hat ja Zeit. Jetzt. „Im Krankenhaus war alles hektisch“, erklärt er, während die Leiterin des Hospizes, Margaretha Eidam, mit der latexbehandschuhten linken Hand das Loch in seinem Hals mit ihren Fingern verschließt. Sonst könnte er nicht verstanden werden. Das Trachial-Stoma schuldet er einer seiner unzähligen Operationen. Peter Jäger stirbt an Lungenkrebs und lebt im Hospiz. Wer bleibt und der schwachen Stimme zuhört, kann den augenscheinlichen Widerspruch leicht auflösen. Auf die schlichte Frage, wie er sich fühle, antwortet Jäger: „Gut, sehr gut sogar…“. Und er betont, wie gut man zu ihm sei, man könne alles machen, wenn es im Rahmen bliebe: „Das macht einem Kunden schon viel aus“, entfährt es ihm.

Vielleicht ist das der Grund, warum er noch immer hier liegt, mit einem Leuchten in den braunen Augen. Ihm geht es ja gut. Und während er überlegt, was er denn noch mal unbedingt machen möchte, streichelt Margaretha Eidam leise seine knochige Hand. Peter Jäger möchte hoch hinaus: Auf den Kölner Dom will er noch mal, ein paar der alten Freunde treffen. Den Beckmann vielleicht. „Aus München den?“ fragt die Hospizleiterin. Und beugt sich über sein Gesicht, um ihn zu verstehen.

Margaretha Eidam ist eine mittelgroße 53-Jährige, hinter den Brillengläsern gepflegt geschminkte Augen, die zu oft versuchen, die Tränen zu unterdrücken. Nicht Trauer, Mitgefühl bewegt dann die gelernte Wirtschafterin und Diakonin. Der Anspruch an sich und ihr Team – neun hauptamtliche, 30 Ehrenamtliche und fünf ehrenamtliche Ärzte – ist es, der sie umtreibt. Sie sagt, sie hole die Menschen an der Türe ab. „Aber haben wir den Menschen so erreicht, dass er die Schwelle erreicht?“ hadert sie. Von den 579 Gästen, die sie seit Gründung des Hospizes vor nicht ganz zehn Jahren aufnahm, hofft sie es. Ohne sich dabei anzumaßen, es doch eigentlich zu wissen.

Doris Weber freut sich auf ihre ehrenamtliche Arbeit im Hospiz. „Ich gehe hier morgens her und denke: ,Sind sie noch alle da, gibt es neue Gäste?'“ Noch als Berufstätige hat sie ihre freiwillige Arbeit im Altenheim begonnen. Vor eineinhalb Jahren entschied sie, für Menschen im Hospiz da zu sein. „Wir unterhalten uns von früher oder spielen „Mensch ärgere dich nicht“, sagt sie, während ihre Augen liebevoll auf Peter Jäger ruhen. Und man kann sehen, dass diese Augen schon viel geweint haben. Viele Sterbefälle in der eigenen Familie haben sie hierhergeführt. Keiner arbeitet umsonst hier.

Nur jeder Zehnte stirbt in Deutschland im Hospiz. „Wir wollen mit dem stationären Hospiz ein Angebot unterbreiten, zu leben, wo es zu Hause und ambulant nicht möglich ist. Sei es auf Grund der Schmerzindikation, sei es, dass der Mensch auf der Straße lebt, sei es, dass die Familien überfordert sind“, erklärt die Leiterin das Profil. Gerade letzteres kennt Margaretha Eidam aus eigenem Erleben. Die Pflege bis zur eigenen Erschöpfung. Das Getuschel auf dem Dorf: Jetzt hat sie ihn abgegeben! Vor allem die Angehörigen werden mitbegleitet. Sie dürfen loslassen. Oder dableiben: „Da liegt auch manchmal die Matratze vorm Bett – oder sie fragen: Mit wie viel Personen können wir hierbleiben? Das sind nicht meine Vorstellungen. Aber das sind die Wünsche unserer Gäste“, erzählt sie.

Das Hospiz selbst ist ein eigenständiger, umgewidmeter Teil des Alten- und Pflegeheimes. Es hat einen eigenen Eingang. Doch teilen sie sich seit einiger Zeit den Haupteingang mit der diakonischen Altenhilfeeinrichtung. Das brachte mehr Leben ins Haus. Denn Hospizarbeit braucht Öffentlichkeit. Zu viele Ängste vorm Tod, der doch zum Leben gehört und weggesperrt wird. Auch durch Hospize. Wie könnte aber die Aufklärungsarbeit aussehen?

„Neulich war ich auf einer Tagung, da ging es um Marketing. Soll das heißen: Bei uns sterben sie richtig, bei uns sterben sie gut?“ empört sich die Hospizleiterin. Am liebsten will sie die Geschichten erzählen, die sie erlebt hat, die sie berührt haben. Besser noch, sie werden erzählt. Die Geschichten vom Leben. Als Peter Jäger doch mal aus dem Rahmen fiel. Weihnachten, an Heiligabend wurde er fünfzig, tanzte eine Striptease-Tänzerin für ihn. Für ihn ganz allein. Und er grinst.

Susanne Bullien

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